1. Präambel
Die stationäre Langzeiteinrichtung versteht Palliative Care als einen integralen Bestandteil einer modernen, personenzentrierten Versorgung älterer und schwerstkranker Menschen.
Grundlage dieses Konzeptes bilden aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, nationale Expertenstandards, die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), der WHO sowie pflegewissenschaftliche Ansätze zur ganzheitlichen Versorgung.
Palliative Versorgung beginnt nicht erst in der finalen Sterbephase, sondern bereits mit dem Erkennen einer nicht heilbaren, fortschreitenden Erkrankung und orientiert sich konsequent an Lebensqualität, Würde, Selbstbestimmung und Symptomlinderung.
2. Definition von Palliative Care
Palliative Care ist nach Definition der WHO ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und deren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung verbunden sind.
Dies geschieht durch:
- Vorbeugung und Linderung von Leiden
- frühzeitiges Erkennen belastender Symptome
- sorgfältige Einschätzung
- Behandlung von Schmerzen
- Berücksichtigung körperlicher, psychosozialer und spiritueller Bedürfnisse
3. Leitbild und Haltung
Die Einrichtung verpflichtet sich zu einer palliativen Haltung, die geprägt ist von:
- Achtung der Menschenwürde
- Wahrung von Autonomie und Selbstbestimmung
- empathischer Kommunikation
- Respekt gegenüber kulturellen und religiösen Werten
- Anerkennung von Sterben als natürlichem Lebensprozess
- Verzicht auf unnötige belastende Maßnahmen
- interprofessioneller Zusammenarbeit
Der Bewohner steht mit seinen individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt aller Entscheidungen.
4. Zielsetzung des Konzeptes
Das Palliativkonzept verfolgt folgende Ziele:
Bewohnerbezogene Ziele
- Erhalt und Förderung der Lebensqualität
- Reduktion belastender Symptome
- Sicherheit und Geborgenheit vermitteln
- Verbleib in vertrauter Umgebung ermöglichen
- Vermeidung unnötiger Krankenhauseinweisungen
- würdevolle Begleitung bis zum Lebensende
Angehörigenbezogene Ziele
- Einbindung in Entscheidungsprozesse
- psychosoziale Unterstützung
- Begleitung während Sterben und Trauer
- Förderung von Sicherheit und Orientierung
Mitarbeiterbezogene Ziele
- Handlungssicherheit im palliativen Kontext
- Förderung palliativer Fachkompetenz
- emotionale Entlastung
- Reflexionsmöglichkeiten
5. Zielgruppe
Das Konzept richtet sich an:
- Bewohner mit chronisch-progredienten Erkrankungen
- Menschen mit fortgeschrittener Demenz
- Bewohner mit Tumorerkrankungen
- neurologisch schwerstbetroffene Menschen
- multimorbide geriatrische Bewohner
- sterbende Bewohner
- Angehörige und Bezugspersonen
6. Wissenschaftliche Grundlagen
Das Konzept orientiert sich an:
- WHO-Empfehlungen zur Palliativversorgung
- Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen
- Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege“
- Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“
- aktuellen Erkenntnissen der Gerontologie und Pflegewissenschaft
- Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin
- Konzepten der Advance Care Planning (ACP)
7. Früherkennung palliativer Situationen
Palliative Bedarfe werden frühzeitig erkannt durch:
- strukturierte Beobachtung
- regelmäßige Fallbesprechungen
- Einschätzung von Symptomen
- Veränderung des Allgemeinzustandes
- zunehmenden Unterstützungsbedarf
- Gewichtsverlust
- Rückzug und reduzierte Belastbarkeit
Die Einschätzung erfolgt interdisziplinär.
8. Ganzheitliche Versorgung
8.1 Körperliche Versorgung
Die pflegerische Versorgung orientiert sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und individuellen Bedürfnissen.
Maßnahmen:
- professionelle Schmerzbeobachtung
- evidenzbasiertes Symptommanagement
- Lagerungsmaßnahmen
- Mundgesundheit und Mundpflege
- Dekubitusprophylaxe
- Atemerleichternde Maßnahmen
- individuelle Ernährungssituationen berücksichtigen
- Förderung von Komfort und Ruhe
- Wahrung von Intimsphäre
8.2 Psychische Begleitung
Die psychische Stabilisierung erfolgt durch:
- empathische Gespräche
- aktives Zuhören
- Präsenz und Beziehungsgestaltung
- Validation
- Unterstützung bei Angst und Trauer
- Orientierung und Sicherheit
8.3 Soziale Begleitung
Die soziale Begleitung umfasst:
- Einbindung von Angehörigen
- Unterstützung sozialer Beziehungen
- flexible Besuchszeiten
- Förderung individueller Wünsche
- Biografiearbeit
8.4 Spirituelle Begleitung
Die Einrichtung respektiert individuelle spirituelle Bedürfnisse.
Dazu gehören:
- Kontakt zu Seelsorge
- religiöse Rituale
- Raum für Sinnfragen
- Begleitung existenzieller Themen
- kulturelle Sensibilität
9. Advance Care Planning und Kommunikation
Frühzeitige Gespräche dienen der Sicherung des Bewohnerwillens.
Besprochen werden:
- Patientenverfügung
- Vorsorgevollmacht
- Reanimationsstatus
- Krankenhausverlegung
- Wünsche zur Sterbebegleitung
- religiöse und kulturelle Bedürfnisse
Die Kommunikation erfolgt transparent, empathisch und ressourcenorientiert.
10. Sterbephase
Die letzte Lebensphase wird als besonders sensible Phase verstanden.
Grundsätze
- Der sterbende Bewohner verbleibt grundsätzlich im eigenen Zimmer und in seiner vertrauten Umgebung.
- Eine Krankenhauseinweisung wird nur bei ausdrücklichem Wunsch oder medizinischer Notwendigkeit vorgenommen.
- Die Symptomlinderung steht im Vordergrund.
Begleitung
Die Einrichtung gewährleistet:
- kontinuierliche Anwesenheit
- Ruhe und Schutz
- individuelle Rituale
- würdevolle Pflege
- würdevolle Atmosphäre
- Abschiedsmöglichkeiten
11. Angehörigenbegleitung
Angehörige werden aktiv begleitet und unterstützt.
Die Einrichtung bietet:
- offene Besuchszeiten
- Gesprächsangebote
- psychosoziale Unterstützung
- Begleitung im Abschiedsprozess
- Informationen über Veränderungen
Zusätzlich werden geschaffen:
- Getränke und Mahlzeiten für Angehörige
- Rückzugsmöglichkeiten
- Sitz- und Ruhmöglichkeiten
- nach Möglichkeit Übernachtungsmöglichkeiten
12. Verabschiedungs- und Abschiedskultur
Die Einrichtung pflegt eine würdevolle Abschiedskultur.
Nach dem Versterben erfolgen:
- respektvolle Versorgung des Verstorbenen
- Abschiedsmöglichkeiten im Bewohnerzimmer
- persönliche Rituale
- religiöse oder kulturelle Rituale
- Kerzen oder Symbole des Erinnerns
Im Team:
- gemeinsame Verabschiedung
- Fallreflexion
- Gedenkkultur
- Erinnerungsorte oder Gedenkbuch
Die Abschiedskultur dient der Würde des Verstorbenen sowie der emotionalen Verarbeitung von Angehörigen und Mitarbeitenden.
13. Interprofessionelle Zusammenarbeit
Die Versorgung erfolgt durch ein multiprofessionelles Team.
Kooperationspartner:
- Hausärzte
- SAPV-Teams
- Hospizdienste
- Therapeuten
- Apotheken
- Seelsorge
Regelmäßige Fallbesprechungen sichern die Qualität der Versorgung.
14. Qualifikation der Mitarbeitenden
Die Mitarbeitenden erhalten regelmäßige Fort- und Weiterbildungen zu:
- Palliative Care
- Schmerzmanagement
- Symptomkontrolle
- Kommunikation
- Ethik
- Demenz
- Sterbebegleitung
- Trauerbegleitung
Die Einrichtung fördert eine reflektierte Haltung.
15. Selbstfürsorge und Mitarbeiterschutz
Die Arbeit mit sterbenden Menschen stellt hohe emotionale Anforderungen.
Daher bietet die Einrichtung:
- Fallreflexion
- Teamgespräche
- Krisenintervention
Die Einrichtung fördert einen offenen und wertschätzenden Umgang mit emotionalen Belastungen im Berufsalltag.
16. Qualitätssicherung
Die Qualität der palliativen Versorgung wird gesichert durch:
- regelmäßige Evaluationen
- Fallanalysen
- Angehörigenbefragungen
- Dokumentationsprüfungen
Die Ergebnisse fließen kontinuierlich in die Weiterentwicklung der palliativen Versorgung ein.
17. Dokumentation
Die palliative Versorgung wird strukturiert dokumentiert:
- Symptomverläufe
- Schmerzassessment
- Bewohnerwünsche
- Gespräche mit Angehörigen
- Notfallplanung
- Sterbephasenbeobachtung
- Rituale und besondere Wünsche
18. Ethik
Die Einrichtung orientiert sich an ethischen Grundprinzipien:
- Selbstbestimmung
- Fürsorge
- Nichtschaden
- Gerechtigkeit
- Würde
Ethikgespräche werden bei komplexen Entscheidungssituationen angeboten.
19. Schlussformulierung
Dieses Palliativkonzept bildet die Grundlage einer modernen und menschenwürdigen palliativen Versorgung in der stationären Langzeitpflege.
Es wird regelmäßig evaluiert und an aktuelle pflegewissenschaftliche, medizinische und gesetzliche Entwicklungen angepasst.
